Vorläufiger Aufruf:

Ein Aktionswochenende gegen Studentenverbindungen in Erlangen? Warum genau hier?

Ja, das werden sich wahrscheinlich Viele fragen. Erlangen ist eine kleine bayerische Provinzstadt mit ca. 100.000 Einwohner_innen, wovon 25.000 Studierende sind. Sie wirbt auch, wie fast jede zweite Stadt, mit dem Slogan „Offen aus Tradition“, kann damit aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Erlangen alles ist, aber sicher nicht offen! Offen aus Tradition? Traditionen können vieles sein – Erlanger Traditionen sind aber definitiv nicht offen! Tradition heißt hier vielmehr, dass studentische Verbindungen in Erlangen das „traditionelle Recht“ haben die öffentlichen Plätze mit ihren Verbindungsfahnen zu beflaggen oder die Universität die Prunkaula ihres Schlosses den Korporationen zur Verfügung stellt – natürlich mit dem Unipräsident als Festredner inklusive. Ein Beispiel also für eine typisch deutsche Stadt, wie sie überall zu finden ist… Nur, dass wir eben gerade HIER sind, und wir deswegen auch HIER etwas dagegen unternehmen wollen.
Genau deswegen ist es wichtig, auch hier eine linke, selbstbestimme Kultur zu leben, Kritik zu üben, und das Hinterland nicht den Nazis, den Traditionalisten oder der gesellschaftlichen Normalität zu überlassen!

Genau das wollen wir auch an diesem Wochenende! Wir wollen den traditionellen Konsens, der Ausgrenzung und Fremdbestimmung bedeutet, aufbrechen, uns mit dessen ideologischem Nährboden auseinandersetzen, miteinander diskutieren, feiern, uns vernetzen, und noch vieles mehr!

Unsere Kritik, die wir an den in Erlangen ständig präsenten Verbindungen und gesellschaftlichen Normen, in welchen deren Ideale ebenso verankert sind, artikulieren möchten ist unter anderem:

Der Elitarismus
Alle Studentenverbindungen vertreten ein enorm hierarchisches Gesellschaftsbild, was bedeutet, dass einige wenige, also die Eliten der Gesellschaft, über die Wünsche, Forderungen und Belange der Anderen entscheiden.
Die „Leistungselite“, die sie als „national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft“ (Manfred Kanther, ehem. Bundesinnenminister und Verbindungsstudent) schicken wollen, wird während der Zeit in ihrer Verbindung schon auf die kommende Rolle gedrillt. Das heißt, es wird ihnen ein dualistisches Weltbild, welches auf Besser und Schlechter ausgerichtet ist, anerzogen. Es wird erwartet, dass man sich in die verbindungsinternen Hierarchien vorbehaltslos einordnet, also nach unten tritt und nach oben buckelt. Eingebübt wird ein solches Verhalten durch die Mensur, die Kneipe, die Fuxenzeit und viele andere entwürdigende Rituale. Hat man diese Torturen dann einmal überstanden, stehen einem die guten Netzwerke – die Seilschaften – der Verbindungen zur Verfügung. Das heißt, dass ein alter Herr der Verbindung die moralische Verpflichtung dazu hat, den Studenten seiner Verbindung bei dem Einstieg ins Berufsleben zu helfen – Karrierechancen also, mit welchen auch offensiv geworben wird. Dieser Verpflichtung wird er auch gerne nachkommen, da er ja weiß, dass ein Mensch, der in den kapitalistischen Tugenden wie Autoritätshörigkeit und Angepasstheit in der Korporation erzogen worden ist, sich gut in seinem Unternehmen verwerten lässt.

Die Geschlechterbilder
Das Geschlechterbild hat sich bei den allermeisten Korporationen seit Jahrhunderten nicht geändert und ist immer noch von einem festen patriachalen Weltbild und einer klaren Rollenzuschreibung von „weiblichem“ und „männlichem“ Verhalten geprägt. Der Mann ist ritterlich, die Frau eine Art schmückendes Beiwerk. Die Verbindungen wollen „gleichgeschlechtliche Enklave“, womit nicht nur Frauen sondern auch Menschen, die sich nicht in ein klares Geschlechterschema einordnen lassen wollen, klar ausgegrenzt werden. Studentische Verbindungen erheben den Anspruch „Führungskräfte“ auszubilden, dies möchten sie nur in der eben erwähnten gleichgeschlechtlichen Enklave tun. Zu diesem patriachalen Rollenbild gesellt sich noch ein strikt heteronormativer Wertekanon und ein ausgeprägter Männlichkeitswahn, wie er vor allem an den bereits erwähnten Erziehungsritualen, wie der Kneipe und der Mensur, deutlich wird. So ist auch die von Korporierten oft zu hörende Ausrede, eine Beteiligung von Frauen am Leben auf einem Verbindungshaus würde unweigerlich zu ernsthaften Gruppenproblemen durch sexuelle Beziehungen oder Partnerschaften führen, mehr als bezeichnend für die dort verankerten Geschlechterbilder: Homosexualität scheint nicht einmal einen Gedanken Wert zu sein. Ausgerechnet der extrem rechte Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ nimmt die Existenz homosexueller Menschen wenigstens zur Kenntnis, indem er sie ausdrücklich von einer Mitgliedschaft ausschließt. Ansonsten wird Homosexualität, die in allen Korporationen unerwünscht ist, schlicht nicht erwähnt. Sollte einer derartiger „Fall“ doch auftreten, kann die Reaktion der Neuen deutschen Burschenschaft Bubenruthia in Erlangen als exemplarisch gelten: Ein Alter Herr, der sich als homosexuell outete wurde sofort von der Verbindung ausgeschlossen!

Das Völkische, Traditionalistische und Nationalistische
Auch wenn hier starke Unterschiede zwischen den einzelnen Korporationen und deren Dachverbänden bestehen, so bezieht sich doch das gesamte Verbindungswesen auf seine nationalstaatlichen Wurzeln im deutschen Sprachraum, wie man unter anderem an den verschiedenen Leitsprüchen der Verbindungen, wie „Ehre, Freiheit, Vaterland“ oder auch mal „Gott, Freiheit, Vaterland“, leicht erkennen kann. Politisch setzen sich die Studentenverbindung durchweg für die „deutschen Interessen“ oder inzwischen auch, in einem erweiterten nationalen Gedanken, für ein geeintes Europa unter deutscher Führung ein. Doch hinter dieser teilweise gutbürgerlichen Fassade der Verbindungen verbergen sich die Abgründe des deutschen Konservatismus und bilden eine Scharnierfunktion zur neuen Rechten. So ist der Vaterlandsbegriff der meisten Korporationen auf ein sogenanntes „Volkstum“ bezogen – so können sich auch österreichische Verbindungen als deutsch fühlen. Das klingt zwar harmlos, zumal uns Deutschland und Europa herzlich egal sind, bedeutet aber letztlich nichts anderes als den Wunsch der Verbindungen nach einem größeren Deutschland. Wie früher eben – das ist alles, aber nicht harmlos!
Auch historisch haben die Korporationen immer streng in diesem Sinne gewirkt. So wurden bereits in der „Geburtsstunde“ der modernen Verbindungen, dem Wartburgfest 1817, Bücher jüdischer Autoren verbrannt.
Seitdem sind sie für einen starken, geeinigten deutschen Nationalstaat eingetreten, der sich als deutsche
Volksgemeinschaft definierte und sich nach unten und nach außen abgrenzte. Schon um die Jahrhundertwende organisierten dann viele Verbindungen die „Reinhaltung“ dieser Volksgemeinschaft, indem sie zum Beispiel
den Aussschluss von Juden und Jüdinnen aus dem öffentlichen Leben forderten. In den 1920er Jahren unterstützten viele Verbindungen den Hitlerputsch in München und erklärten, sie stünden „fest auf dem nationalsozialistischen Rassestandpunkt“. So war der Weg auch nicht weit, sich 1935 aufzulösen und in den NSDStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund) einzugliedern.
Eine Distanzierung von ihrer eigenen Geschichte hat es bis heute von keinem Dachverband gegeben! Im Gegenteil: Die gleichen Rituale, Bräuche und Traditionen werden immer noch hochgehalten und weitergelebt.

Die Verbindungen zum Rechtsextremismus
Für einige sind alle Verbindungsstudenten Neonazis; die Korporierten antworten auf entsprechende Fragen oder Vorwürfe meist, ihre Verbindung sei unpolitisch und man würde stets mit wenigen „Extremen“ in einen Topf geschmissen. Eine differenzierte Analyse der politischen Ausrichtung von Korporationen ist trotz oder gerade wegen der vielfältigen Strömen nötig. Diese soll im Folgenden kurz skizziert werden.
Wichtigster Punkt ist, dass keine studentische Verbindung unpolitisch sein kann – das stellte zum Beispiel jüngst der Coburger Convent (CC) klar, indem er verkündete: „Die Negierung politischer Tendenzen […] kommt heute nicht mehr in Betracht, denn es gibt keine Immunität des Korporations-studententums gegenüber dem Zeitgeschehen.“ Außerdem kann, wie bereits ausgeführt, ein vorbehaltsloses Bekenntnis zu einem (meist völkisch definierten) Vaterland niemals als unpolitisch betrachtet werden. Am besten lässt sich die politische Ausrichtung einer Verbindung anhand ihres jeweiligen Dachverbands ausmachen, da die jeweiligen politischen Leitideen auch von diesem definiert werden. Aus dem Vergleich der unterschiedlichen Dachverbände kann man die „Faustregel“ ableiten, dass schlagende und farbentragende Verbindungen meist extremer sind als solche, in denen beides verboten ist. Alle Verbindungen haben aber das Zwangssystem (Erziehungsmethoden, Lebensbundprinzip) als Säule des Konservatismus gemein, weshalb es emanzipatorische oder gar linke Verbindungen nicht geben kann!
Das Ziel unserer Kritik ist also nicht zu zeigen, dass jeder Korporationsstudent ein Nazi ist, sondern will die ideologische Nähe der Korporationen zu nazistischen Gedankengut, welche die häufigen personellen und inhaltlichen Überschneidungen erst ermöglichen, darstellen.
So sind Verbindungstudenten immer wieder auf bundesweiten Neonaziveranstaltungen anzutreffen – so zum Beispiel in Halbe. Auch in Erlangen gibt es immer wieder antisemitische und geschichtsrevisionistische Veranstaltungen (z.B. mit: Olaf Rose, Pierre Krebs, Barbara Rosenkranz), die von der Burschenschaft Frankonia veranstaltet werden. Diese Burschenschaft, die auch in dem extrem rechten Kartell „Burschenschaftliche Gemeinschaft“ des Dachverbands der „Deutschen Burschenschaft“ organisiert ist, fällt auch dadurch auf, dass die bundesweit agierenden Neonazianwälte Stefan Böhmer (verurteilter Holocaustleugner) und Frank Miksch dort Alte Herren und ständige Gäste sind. Außerdem gibt es personelle Überschneidungen zwischen der Frankonia und dem ultrarechten Kameradschaftsbund „Freies Netz Süd“ in dem Neonazigruppen aus ganz Süddeutschland organisiert sind.

Daher lasst uns den Verbindungen unsere eigenen Vorstellungen entgegensetzen. Im Unterschied zu den Korporationen haben wir den Anspruch alles Dogmatische zu vermeiden und zu hinterfragen. Wir plädieren gegen blinden Traditionalismus und seine Rituale. Statt der institutionalisierten Seilschaften, die sich in Verbindungen als Freundschaften darzustellen versuchen, wollen wir lebendige Dynamik und Solidarität und haben die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Was wir wollen, sind keine vom wirtschaftlichen und politischen System diktierten Verpflichtungen und kein Leistungsdenken. Lasst uns widerständig und undogmatisch sein!

Zeigen wir den Verbindungen und Allen, die auf deren Ideologie der Hörigkeit reinfallen, dass man zu einem besseren Leben sicher keine Hierarchien und Autoritäten braucht, sondern ein solidarisches und gleichberechtigtes Miteinander!


WER NICHTS PEILT, WIRD GEKEILT!!!

STUDENTISCHE VERBINDUNGEN AUFLÖSEN!!!

FÜR EIN SELBSTBESTIMMTES UND HERRSCHAFTSFREIES LEBEN!!!

NIE WIEDER DEUTSCHLAND!!!